Ich war womöglich etwas naiv und habe dieses Thema schon länger für mich entschieden und ad acta gelegt. Schon vor 20 Jahren habe ich mich damit intensiv befasst, recherchiert, habe mich dazu ausgetauscht, etwas geschrieben, einen Shitstorm der „Positivler“ überstanden, war sogar mal kurz im Fernsehen zu dem Thema (ist immer noch ein Fiebertraum für mich) und bin trotzdem offengeblieben.
Aber: Kaum jemand folgt mir schon so lange. Deswegen findet ihr hier nun meine Meinung zu diesem Thema. Das ist eine Meinung – kein Fakt. Ich habe kein Problem damit, dass es Menschen anders sehen können.
Worum geht’s? Immer noch wird postuliert, dass Hundetraining möglichst ausschließlich über positive Verstärkung zu erfolgen hat. Dies sei auch wissenschaftlich gesichert. Gespickt wird das Ganze auch noch mit weiteren angeblich wissenschaftlich gesicherten Fakten. Teilweise wird gesagt, dass es unter Hunden keine Rangordnungsbeziehungen geben und auch Dominanz nicht existieren würde.
Positive Verstärkung meint dabei, dass man erwünschtes Verhalten belohnt, damit dies häufiger gezeigt wird. Dagegen stehen noch weitere Möglichkeiten Verhalten zu beeinflussen. Je nachdem ob ein Verhalten dann häufiger gezeigt wird, sprechen wir von „Verstärkung“ oder wenn es weniger gezeigt wird von „Strafe“. Der letzte Punkt ist derjenige, woran sich häufig aufgehalten wird. Weitere Beschreibungen dazu sind „Aversives Training“ oder „Strafreize/Schreckreize“ oder auch schlicht „Gewalt“.
Das klingt für Außenstehende erstmal schlimm. Aber was ist damit eigentlich gemeint und warum nutze ich diese Begrifflichkeiten dafür nicht? Strafe im lerntheoretischen Sinn bedeutet, dass ich etwas hinzufüge (was der Hund unangenehm findet) oder wegnehme (was der Hund angenehm empfindet) und daraufhin ein Verhalten weniger auftritt. Es ist schlicht Lernen über Konsequenzen.
In der Literatur wird oft von „belohnungsbasiert“ und „strafbasiert“ gesprochen. „Strafbasiert“ meint dann, dass auch Strafen genutzt werden im Training. Ich habe damit ein großes Problem: Ich nutze Strafe, aber darauf basiert mein Training nicht. Ich nutze in meinem Training alle Möglichkeiten Verhalten zu beeinflussen. Was ich wie nutze, ist höchst individuell und richtet sich nach dem Mensch-Hund-Team. Strafe macht dabei einen sehr kleinen Teil aus und wird sehr gezielt eingesetzt.
Es gibt Forschung zu dem Bereich. Allerdings weisen viele Studien dazu methodische Mängel auf, beruhen auf Fragebögen der Halter*innen, vermischen Korrelation und Kausalität oder ziehen Schlüsse, die ich ganz objektiv nicht nachvollziehen kann. Vieles ist auch gar nicht übertragbar auf deutsches Hundetraining, weil „aversives Training“ damit gemessen wird, ob Hunde Elektrohalsbänder oder Stachelhalsbänder tragen, sie geschlagen werden oder sonstigen Unfug, der hierzulande schlicht verboten ist und auch von den „aversiven Trainern“ gar nicht genutzt wird.
Und: Wissenschaft dient nicht dazu die beste Erziehungsmethode zu finden. Vieles kann gar nicht „bewiesen“ werden, weil es gar nicht möglich ist. Und: Ich glaube auch, dass weder unsere Kund*innen, noch die „rein positiven Trainer“ mit ihren Hunden ohne Strafen zusammenleben. Warum? Weil wir Menschen sind.
Stellt euch vor, euer Hund rennt zu einem anderen Hund. Er ignoriert den Rückruf. Mit hoch rotem Kopf und über euch selbst ärgernd lauft ihr zu eurem Hund, um ihn anzuleinen. Der Hund bekommt diese Stimmung mit und findet das unangenehm. In Zukunft rennt euer Hund deswegen nicht mehr zu anderen Hunden.
Oder euer Hund läuft los und ihr ruft ein lautes „Hey!“ und stampft mit dem Fuß auf. Euer Hund dreht ab, ihr leint ihn an. In Zukunft rennt euer Hund deswegen nicht mehr zu anderen Hunden.
Das erste Szenario würde vermutlich von den wenigsten als „aversiv“ bezeichnet werden. Dabei ist es genau das. Es gibt objektiv keinen großartigen Unterschied zum zweiten Szenario, was man als „aversiv“ bezeichnen könnte. Bei beiden wurde etwas hinzugefügt (negative Stimmung), weswegen ein Verhalten weniger auftritt. Es ist bei beidem Strafe. Der einzige Unterschied ist, dass beim zweiten Szenario die Strafe „extra“ eingesetzt wurde und nicht aus Versehen passiert.
Das erste Szenario trifft im Alltag vorwiegend zu. Wir sind Menschen. Wir ärgern uns, wir haben schlechte Tage, wir machen Fehler. Und unsere Hunde? Sind davon nicht traumatisiert, passen ihr Verhalten schlicht an und leben ein gutes Leben auf der Couch mit gefülltem Fressnapf. Würde das dazu führen, dass Hunde verunsichert werden, Ängste entwickeln und den Menschen meiden, hätten sie sich in den Jahrtausenden gemeinsamer Geschichte schon längst von und abgekehrt. Das Gegenteil ist der Fall. Und das zeigt übrigens auch die Forschung.
Wir sind Menschen. Wir sind so. Wir sind auch untereinander so. Und es gehört zum Zusammenleben dazu. Unsere Hunde leiden nicht darunter, dass wir so sind. Und wenn das so ist: Warum sollte ich darauf verzichten, dem Hund mitzuteilen dass ein Verhalten unerwünscht ist? Meine Kund*innen strafen im Alltag immer wieder. Warum sollte ich ihnen deswegen ein schlechtes Gewissen und somit handlungsunfähig machen? Ich finde es viel sinnvoller das einzuordnen und ihnen an die Hand zu geben, was sie wann machen, um in Zukunft harmonisch mit ihren Hunden leben zu können.
Selbstverständlich kann „falsche Strafe“ unerwünschte Nebenwirkungen haben. Genauso wie es „falsche Belohnung“ haben kann. Und ganz davon ab gibt es noch zig weitere Dinge, die einen Einfluss auf die Mensch-Hund-Beziehung und somit auch auf das Verhalten haben.
Ob man dafür extra Strafen nutzt oder sie aus Versehen passieren lässt: Es ist letzten Endes eine ethische Entscheidung, wenn es objektiv gesehen keine Gründe für einen Strafverzicht gibt. Über Moral lässt sich nicht diskutieren. Wir können Werte in gesellschaftliche und historische Kontexte setzen. Wir können aber über sie an sich nicht objektiv diskutieren. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.
„Rein positiv“ ist am Ende schlicht ein Marketingclaim. Eine Möglichkeit andere abzuwerten, um sich als besonders gut darzustellen. Das sichert Kundschaft. Das sichert Deutungshoheit. Es suggeriert Überlegenheit.
Wenn es darum geht, dass der Hund sich möglichst nie schlecht fühlt, wenn ich mit ihm interagiere, dann bin ich raus. Ich setze Grenzen, halte Konflikte aus und empfinde Streits als Bereicherung für die Beziehung. Und genau das möchte ich auch meinen Kund*innen mitgeben. Und es ist in Ordnung, wenn das anders gesehen wird. Dann bin ich nicht die richtige Trainerin.
Ich mache aber nicht mit im Spiel des Abwertens und Cherrypickings der Wissenschaft. Und Fun Fact: Selbstverständlich gibt es Dominanzbeziehungen unter Hunden und sie leben durchaus auch in Rudeln, wenn sie nicht auf unserer Couch schlafen. Treffe ich im Training moralische Entscheidungen? Absolut! Ich bin doch oft erschrocken darüber, wie schnell zu krassen Strafen gegriffen wird und wie lange unerwünschtes Verhalten entschuldigt und laufen gelassen wird. Ich wünsche mir mehr Mittelweg. Mehr Leben und weniger Training. Mehr Ehrlichkeit und weniger Ideologie.
Ich sehe in Spaltung keinen Fortschritt. Und ich sehe in Angst-Mache keinen Zugewinn für die Menschen, die mit ihren Hunden gut leben möchten. Und ich sehe keinen Austausch, wenn auf Positionen verharrt und der Diskussionsteilnehmer abgewertet wird. Deswegen diskutiere ich darüber auch nicht mehr. Ich mache das Training, was ich vertreten kann, lebe meine Werte und gebe auch genau das meinen Kund*innen mit. Am Ende möchte ich, dass sie subjektiv gut mit ihren Hunden leben können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

